Historische Tänze

Für Geschichtsinteressierte geben Edda Oelker und Thomas Sandvoß regelmäßige Workshops zum Thema ‚Historische Tänze‘. Diese finden jeweils an den Wochenenden statt. Wer hieran Interesse hat, kann sich unter historische-taenze@btsc.de informieren und anmelden.

 

Was genau genau kann man sich unter ‚Historischen Tänzen‘ vorstellen?

»Tanz an den Fürstenhöfen der Renaissance« ?
Gesellschaftstanz als Kunstform im Italien des 16. Jahrhunderts
In wenigen Angelegenheiten war sich Europa nach dem Mittelalter so einig, wie im höfischen Tanz der beginnenden Neuzeit, dem Zeitalter der Renaissance.
Trotz permanenter kriegerischer Auseinandersetzungen gab es an den Höfen Europas eine Gemeinsamkeit. Von Neapel bis Edinburgh erfreuten sich Tänze und daraus entwickelte Choreographien italienischen Ursprungs, anmutige Schreittänze, schnelle Cascarden und ein kraftvoller improvisierter Springtanz, die Gagliarda, grenzüberschreitend allgemeiner Beliebtheit.

Improvisationstänze
Ein Teil des überlieferten Materials, wie Gagliarda, Paso e Mezo und Canario wurde vorwiegend solistisch getanzt und improvisiert.
Der bedeutendste Tanz des 16. bis frühen 17. Jh. war die Gagliarda. Es handelt sich hierbei um einen improvisierten Springtanz, der paarweise oder solistisch ausgeführt wurde. Während Antonio Arena 1529 noch schreibt: „Nun ist der neue, überaus zierliche Galharden-Tanz aufgekommen, der unsere Körper mächtig schwitzen läßt. Bei diesem Rüpel-Tanz müssen wir uns sehr abmühen; er macht, daß ich mir die Beine breche. …“, verbreitet sich dieser Tanz in kurzer Zeit über ganz Europa und erfreut sich über mehr als 100 Jahre der Begeisterung der Zeitgenossen. In den vorwiegend italienischen Quellen sind hunderte von Variationen beschrieben, die heute zu einem nicht geringen Teil ohne entsprechend professionelle Ausbildung und Training gar nicht durchführbar sind. Beispielsweise beschreibt Cesare Negri, während eines Sprunges „…mindestens 3 oder 4 oder mehr Drehungen …“ zu machen.
Aufgrund des äußerst vielseitigen Improvisationspotentials diente die Gagliarda nicht zuletzt auch der Selbstdarstellung durch Kraft und Virtuosität. Shakespeare (Twelfth Night, Act 1, Scene 3) / Sir Toby Belch: »What is thy excellence in a galliard, knight?« Darauf folgt ein Dialog über das Tanzen im Allgemeinen und die Gagliarda im Speziellen.

Choreographien
Die zweite große Gruppe, gerade in den italienischen Tanzquellen, bilden die Choreographien für ein Tanzpaar sowie für drei oder vier Personen. Auch hierfür werden die Improvisationstänze Gagliarda und Canario mit verarbeitet. Ein Ballo oder Balletto setzt sich in der Regel aus 2 bis 3 Tanzformen zusammen.

Social Dance
Der Branle, beschrieben in der „Orchésograpie“ von Thoinot Arbeau (Lengres, 1588) gehört neben der Gagliarda zu den am ausführlichsten dokumentierten Tänzen des 16. Jahrhunderts. Arbeau erläutert seinem Schüler Capriol die gemeinschaftsfördernde Art des Branle: »…Die Alten tanzen gemessen die ‚Doubles‘ und ‚Simples‘, die jung verheirateten tanzen die ‚Branles gayz‘ und die ganz jungen wie Sie tanzen leicht und gewandt die ‚Branles de Bourgoigne‘, und gleichwohl verrichten alle Tanzenden ihre Aufgabe so gut sie können, ein jeder nach seinem Alter und der Verfügbarkeit seiner Gewandheit…«
Der Branle wird, nebeneinander durchgefaßt, in einer Reihe getanzt, die zum Kreis geschlossen werden kann.

Ebenfalls als eher gesellige Tänze sind ab Beginn des 17. Jahrhunderts die Country Dances aus „The English Dancing Master“ von John Playford überliefert, die zu mehreren Paaren als „Round“, „Square“ oder „Longway“ getanzt wurden.

 

Wieso gerade diese Sport- Tanzart/variante?
Der Vielseitigkeit halber.
– Man tanzt solistisch, als Paar oder in der Gruppe.
 – Man tanzt Schreittänze und/oder Springtänze
 – Man tanzt Choreographie und/oder Improvisation
 – Man kann sich geistig zurückversetzen in die Zeit des 16. Jh.
 – Es ist für jeden etwas dabei

 

Warum sollte ich mich dafür entscheiden?
Im Grunde ist es so, daß man sich nur für ein einziges Tanzseminar zum Testen entscheiden muß, mehr muß man erstmal nicht tun.
Danach trifft – ähnlich, wie beim Einstieg in eine starke Droge – der Tanz die Entscheidung, wer daran hängen bleibt und wer nicht. Von körperlichen Entzugserscheinungen hat man bisher aber glücklicherweise noch nichts gehört.

 

Trainer

Wie bist du zum Tanzen gekommen?

Ich würde es als temporären Kontrollverlust bezeichnen. Edda und ich wollten uns 1987 zu einem DJH-Seminar anmelden. Es sollte etwas für uns absolut Neues sein. Nachdem zwei meiner Vorschläge abgelehnt wurden, sollte Edda was ’raussuchen.
Das Ergebnis war ein einwöchiges Seminar »Höfische Tänze der Renaissance«. Also, man ahnt nichts Böses und dann sowas. Es war äußerst kompliziert – und es sollte mich nicht wieder loslassen.

Wie lange tanzt du inzwischen?

Seit 1987 – also gut 30 Jahre

Wieso unterrichtest du?

Vor allen Dingen, weil es mir Spaß macht. Zum anderen aber auch, weil diese europäische Tanzkultur des 16. Jahrhunderts es verdient, vor dem Untergang durch Vergessen bewahrt zu werden.

Welche Lizenzen und/oder Erfahrungen bringst du mit?

Nur Erfahrungen (Auszug):

Da es keine offiziellen Lizenzen im Bereich ‚Historische Tänze‘ gibt, haben Edda und ich uns unser Wissen hierzu auf zahlreichen Workshops und Veranstaltungen im In- und Ausland angeeignet und freuen uns immer, dieses mit begeisterten Teilnehmern zu teilen.

Hervorzuheben sind noch die jährlichen Rekonstruktionskurse »L’Arte del danzare« für italienische Tanzquellen, die von 1994 bis 2001 von Dr. Markus Lehner angeboten wurden. Der regelmäßige Besuch dieser Seminare lieferte die Grundlage, Tänze bzw. Choreographien des 16. Jh. anhand der Originale selbst zu erarbeiten und mit der zugehörigen Musik abzugleichen.